Dienstag, 21. Dezember 2010

Koscherer Wein!

In Bochum gibt es seit etwa zwei Jahren wieder eine Synagoge. Zu bestimmten Festen wird von den Gemeindemitgliedern mit viel Erfolg ein „Tag der offenen Tür“ gefeiert mit Führungen durch das schöne Gebäude und einer reichhaltigen Auswahl an „koscheren Speisen“.
Ich habe in meinen Blog vom 06.09.09 darüber berichtet.

Jetzt, beim Aussortieren einiger Post Entwürfe stolperte ich über einen Post, den ich vor langer Zeit halbfertig schrieb.
Dazu inspirierte mich ein Artikel, den ich in der „Schneckenpost“ -so hieß früher das Slow Food Magazin- aus dem Jahre 1997, zu dem Thema „Koscherer Wein“.


Da es ja auch viele Weinspezialisten in der Bloggerszene gibt, habe ich mich mit dem Autor des Artikels, Herrn Prof. Dr. H. Laberenz in Hamburg in Verbindung gesetzt um mich zu vergewissern, dass ich den Bericht veröffentlichen kann. Und ich kann. Dafür bedanke ich mich sehr herzlich bei ihm.

Nachstehend der von ihm am 23.09.09 überarbeitete und autorisierte Bericht, bei dessen Lesen ich viel Vergnügen, aber auch jede Menge neue Erkenntnisse wünsche.

Koscherer Wein
von Prof. Dr. Helmut Laberenz

Zwei schöne mundgeblasene Weingläser aus Israel, jedes Stück einzigartig, aus hauchdünnem Glas, grün, brau und cognacfarben, schimmernd wie Perlmutt, entdeckt in einem kleinen, unscheinbaren Laden in der Ottenser Hauptstrasse in Hamburg. Dazu eine Flasche „Rabbi Jacob“, abgefüllt in Casablanca. Ein nettes Weihnachtsgeschenk für eine Liebhaberein israelischer Glasarbeiten. Die Gläser sind herrlich anzuschauen, der Wein ist trocken und vollmundig – kein großer Wein, aber ein guter. Nur, was bedeutet der Hinweis „koscher“ auf dem Etikett?
Der Blick in das Deutsche Wörterbuch verrät „koscher (hebr.-jidd.) Adj.: den jüdischen Ernährungsvorschriften entsprechend“. Jüdische Ernährungsvorschriften. Ja richtig, vage Erinnerungen tauchen auf. Gläubige Juden halten bestimmte Vorschriften ein, unkoschere Nahrung nehmen sie nicht zu sich – sie würden ihnen nicht schmecken, ja sogar Ekel erregen. In dem Roman „Der Medicus“ habe ich doch etwas darüber erfahren, wie Tiere geschlachtet werden müssen, damit ihr Fleisch koscher ist. Und wo habe ich nur gelesen, daß Fleisch und Milchprodukte nicht kombiniert werden dürfen? Aber wann ist Wein, dieses himmlische Getränk, koscher? Gibt es vielleicht koschere und unkoschere Traubensorten oder sind besondere Verarbeitungsmethoden im Einsatz?
Eine Nachfrage im Bekanntenkreis erbringt erste Antworten. Wein aus dem gelobten Land sei koscher, egal von welcher Traube. Und es soll dort wunderbare Tröpfchen geben. Aber Marokko ist nicht Israel, wie kann ein Wein aus Casablanca koscher sein oder werden? Die Diskussion geht weiter, der Winzer müsse ein Jude sein, die Weinfässer oder die Weinberge müssen von einem Rabbi gesegnet sein, Vermutungen schwirren durcheinander.
Bestimmte Rahmenbedingungen für den koscheren Wein kristallisieren sich schnell heraus. So werden Trauben bei neuen Weinstöcken erst nach dem vierten Jahr geerntet und in jedem siebten Jahr, dem Sabbatjahr, wird auf die Lese verzichtet, damit die Rebstöcke sich nutritiv und organisch regenerieren können.
Zwei Monate vor der Weinlese darf keine organische Düngung in den Weinbergen mehr stattfinden, und alle Erntegeräte und Gefäße müssen vorher unter der Aufsicht eines Rabbi gründlich gesäubert werden. Jegliche Zufuhr von Enzymen oder Bakterien sind beim Vinifizieren untersagt, die Fermentation darf ausschließlich durch die, auf der Haut der Trauben befindlichen, Hefepilze angeregt werden. Bei der Abfüllung ist zu beachten, daß lediglich Papierfilter verwendet werden, und daß eine Wiederverwendung der Flaschen untersagt ist. Von einhundert abgefüllten Flaschen muß eine zu Gunsten der Armen abgegeben werden, darf also nicht verkauft werden.
Ausgerechnet am 24. Dezember trifft die letzte Ergänzung per e-mail aus Jerusalem ein. Sie beruft sich auf eine Auskunft eines Professors vom „Jewish History Department“ der Bar Ilan Universität, der als profunder Kenner in Weinfragen beschrieben wird. Danach liegt der entscheidende Unterschied zwischen koscherem und unkoscherem Wein in der Religion der weinproduzierenden Menschen. Der koschere Wein wird ausschließlich von Juden hergestellt, und er kann auch nur von diesen verwendet werden. Wenn ein Christ, Atheist oder Moslem eine solche Flasche öffnet, Wein aus dieser Flasche trinkt oder auch nur die geöffnete Flasche berührt, so verliert der Wein seinen Kashrut, er wird unkoscher.

Die Wurzeln dieser Vorschrift liegen in einer Zeit, in der die Religionen sich stark voneinander abgrenzten, Assimilation oder gar Mischehen mit aller Kraft vermieden werden sollten. Selbst das Teilen einer Flasche Wein erschien damals schon zu viel der Annäherung. Traditionelle Juden werden der in der Öffentlichkeit auch heute im Zweifel darauf bestehen, daß sie eine geschlossene und versiegelte Flasche serviert bekommen, die sie selbst öffnen und aus der sie selbst nachschenken. Schade, so werden Juden und Nicht-Juden niemals gemeinsam eine Flasche Wein leeren können.
Doch halt, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – und wenn es nur ein Schleichweg ist. Wird nämlich koscherer Wein aufgekocht, so verdirbt er zwar – aber er bleibt koscher. Serviert man nun andersgläubigen Menschen einen derartig „abgekochten“ Wein – zum Trinken wohlbemerkt, nicht in einer Soße – dann besteht wohl kaum die Gefahr einer zu intensiven Annäherung oder gar Assimilation. Wer möchte schon einen derartigen Trank in geselliger Runde „genießen“?
Doch Louis Pasteur hilft uns noch weiter. Die Pasteurisierung wird von vielen Juden als gleichwertig zum Aufkochen angesehen, auch wenn der Wein dabei nicht im eigentlichen Sinne gekocht wird. Der behandelte Wein verliert zwar an Aroma, aber er wird nicht gänzlich ungenießbar – und er bleibt koscher, auch wenn Andersgläubige die geöffnete Flasche berühren oder aus ihr trinken. Durch ein spezielles Verfahren (Blitz-Pasteurisierung) gelingt es heutzutage, den Aromaverlust sehr gering zu halten. In den USA werden derartige Weine (Carmel Weine) anscheinend auch in guter Qualität im Handel angeboten, die einen gemeinsamen Genuß über religiöse Grenzen hinweg erlauben. Na dann Prost!

P.S.: Wer demnächst in die Staaten reist, möge mir doch bitte ein Glas dieses Carmel Weines auf mein Wohl leeren – in welcher Gesellschaft auch immer.

Shalom!

Nicht zuletzt hat mich Tobias daran erinnert, mit seinem 15ten Kochevent Israel.

Kommentare:

  1. da hatten wir aber beide den gleichen Gedanken! Ich habe vorhin noch der Kommandantin geschrieben, dass ich für dieses Event über koscheren Wein schreiben wollte.
    Naja, mache ich trotzdem. :)

    Es gibt nämlich in meiner direkten rheinhessischen Nachbarschaft einen koscheren Winzer, den ich vielleicht mal besuchen werde, wenn es meine Zeit erlaubt.

    Vor 3 Jahren habe ich mal große Mengen eines French colombard von Tishbi Estate Winery gekauft, der war sehr lecker!

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  2. @ Astrid: Ich habe mich durch Tobias erinnern lassen, sonst würde der Bericht ja noch weiter schlummern.

    Inzwischen habe ich gelesen, dass Du vorhast darüber zu schreiben. Gut so, denn ich habe ja nicht am Event teilgenommen. Der Artikel ist ja nicht von mir.

    Ausserdem freue ich mich auf Deine Sichtweise über koscheren Wein.

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  3. och, meine Sichtweise ist ganz einfach. Es gibt guten und es gibt schlechten. So wie immer und überall. :))

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  4. @ Astrid: Nochmal ich. Der Artikel sollte bei einer Veranstaltung zu dem Slow Food Thema "Koschere Küche und Weine", miteinfließen. Das ganze Thema stieß aber im Arbeitskreis nicht auf Verständnis.
    Ich finde dieses Thema nach wie vor spannend, wenn man die Religion herauslässt.

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  5. ich auch nochmal:
    Ich finde das Thema ebenfalls superspannend! Auch,wenn man die Religion drinläßt! :)

    Im Event geht es ja lediglich um israelische Küche, aber da liegt das Thema "koschere Lebensmittel" auf der Hand, finde ich. Ich bin mal gespannt, ob jemand teilnehmen wird, und sich in seinem Beitrag NICHT mit diesem Aspekt beschäftigt. Aber vielleicht macht nicht jeder was mit Wein... :)

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  6. @ Astrid: Im Slowfood wollten einige nichts damit machen, weil es ihnen zu radikal ist.
    Ich gestehe, ich esse auch geschächtetes Fleisch, ohne mich mit dem Islam auszukennen. Mich interessiert daran, genau wie beim koscheren Essen, nur die Kulinaristik.
    Das sollte legitim sein.

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  7. sehr spannend, wir hatten am Wochendende einen israelischen Chardonnay. Keine ahgnung, ob dewr koscher war. Das Etikett ist vollständig auf hebräisch.
    Es gibt auch koscheren Wein vom spanischen Weingut Capcanes (Flor de primavera Kosher), das liegt im Nordosten nahe Barcelona ( http://www.cellercapcanes.com)
    Den hab ich z.Bsp. auch schon in Herne bei Meimberg gesehen.

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  8. viele bekannte Weingüter machen koschere Weine. Darunter z. B. Größen wie Pontet Canet,Smith-Haut Lafitte, Léoville-Poyferré und andere. Ich glaube, vieles wird speziell für den amerikanischen Markt produziert.
    Ich finde, das schöne und gute an koscherem Wein ist, dass er automatisch immer "öko" oder "bio" ist, ob mit oder ohne Zertifizierung.

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  9. Dass es gute koschere Weine gibt, steht außer Frage. Dennoch ist koscher keine Garantie für guten Wein. Koscher zu es essen oder zu trinken ist ein religiöses Statement, so wie etwa vor dem Essen zu beten. Wie in dem Artikel beschrieben, dient es dazu, eine religiöse Gemeinschaft zu festigen, und kein Kriterium für gutes Essen oder Trinken. Ich finde, wenn man gute Weine trinken will, gibt es bessere Kriterien als ausgerechnet koscher. Wenn sie auch noch koscher sind, na gut.

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  10. Ich sach ja (weiter oben) "meine Sichtweise ist ganz einfach. Es gibt guten und es gibt schlechten. So wie immer und überall."
    :)

    Da aber koscher erzeugte Lebensmittel im allgemeinen mit erstaunlicher Sorgfalt erzeugt und verarbeitet werden (lediglich meine Erfahrung), ist die Chance groß, dass sie auch gut sind.
    jm2c...

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